3.3 Dritter Reisebericht 2006_02

Von Le Havre, auf überlangem stürmischen Weg nach Bilbao 15. bis 20. 2. 06

Bei heftigem Seegang erleben wir hautnah die Unbilden des Meeres im Ärmelkanal. Windstärke 10 und heftige Wellen, man kommt sich wie auf einer Achterbahn mit Unwuchten vor. Verstärkt wird alles durch die Geräuschkulisse. Als ob wir auf dem letzten Loch pfeifen und jemand andauernd Wurfgeschosse unterschiedlicher Größe und Menge auf uns schmettert. Gisela streckt alle viere von sich und ist besorgt. Bei mir dagegen wirkt die medikamentöse Vorbeugung. Ich darf an den Laptop.

Zusammen mit dem englischen Ehepaar geht es in Le Havre, dem 4.größten europäischen Hafen mit dem Taxi in die Stadt. Unser Schiff, das mit seinen 3500 Autostellplätzen auf seine 214m Länge im Autohafen wieder Nachschub von Fiat und Peugeots lädt und u.a. brasilianische Baumaschinen, die anstelle der Gummibereifung auf Holzlatten ummantelten Felgen fuhren, ausspuckt, soll gegen Mitternacht -zwischenzeitlich in den Containerhafen verlegt- auslaufen.

Das mitternächtliche Schauspiel unserer engen Hafenschleusenpassage wollen wir uns nicht entgehen lassen, nachdem wir die mehr im Zuckerbäckerstil wieder aufgebaute im Krieg völlig zerstörte Hafenstadt, in der zwischen 8/1944 und 8/1946 3.750.000 US-Soldaten angelandet wurden, in Augenschein genommen haben. Sonst typische Nachkriegshafenstadt mit Englandfähre, Jachthafen, aber alles noch im Winterschlaf. In den Geschäften „tote Hose“.

Der annoncierte Auslaufzeitpunkt verzögert sich um fast 2 Stunden, obwohl Lotse und Schlepper mehr als pünktlich auftauchen.

2 Container beschäftigten die Schauerleute mehr als intensiv. Es ist ein hin und herfahren, Kran vorwärts und rückwärts, hoch und wieder runter, bis die Dinger endlich unter den Augen des neuen kettenrauchenden Kapitäns verstaut sind. Die Vermutung kommt auf: So macht man eine 2. Schicht.

Fast den ganzen Tag verbringen wir heute auf der Brücke, beobachten die wechselnden Regenschauer und die unterschiedlichen Frachter, die wie wir bei Windstärke 6/7 durch die Gicht schaukeln.

Beim Nachtisch des Abendessens gegen 21.30 Uhr nimmt das Ganze einen unerwarteten Lauf, nachdem vorher schon vorsichtshalber die unbenutzten Suppenteller wieder abgedeckt sind und der Kapitän für später Windstärke 10 ankündigt. Ein ansatzloser plötzlicher kräftiger Ruck, flimmerndes Licht -Polterabend- nichts liegt mehr so wie vorher, alles ist auf dem Boden zerstreut.

Mein englischer Tischnachbar fliegt auf seinem Stuhl in die fast 3m entfernte Türöffnung an der er sich gerade noch festhalten kann. Man versucht zu halten, was noch steht. Ich greife instinktiv das vor mit stehende Rotweinglas und eine Glasschüssel mit Bananen, während die große Yuccapalme, Teller, Tassen, Essig, Öl, Zucker Parmesankäse, Flaschen egal ob voll oder leer wie auch die noch gefüllten Rotweinkaraffen auf den Boden landen und einen rutschigen Müllsee bilden. Der Kapitän rennt mit seinen Offizieren, die gerade einen Kognak aus dem Pappbecher angeboten bekamen, los und weg. Gisela kann sich in einer Speiseölpfütze grade noch festhalten, sonst wäre sie auf dem mit Scherben, Essensresten, halt allem was fliegen kann, gelandet. Auch unsere Kabine ist völlig „aufgeräumt“, alles liegt verstreut auf dem Boden aber ohne erkennbaren Schaden. Der Koch streut Salz zur Abstumpfung. Uns schickt er zurück in die Kabine, in der wir bleiben sollen. Hoffentlich ist unserem Womo nichts passiert. Morgen früh kann ich das sicher prüfen.

Den unversehrt gebliebenen Laptop, der mit allem vom Schreibtisch geflogen ist, halte ich zwischenzeitlich fest, so stark schaukelt und ruckt das ächzende Schiff. Die peitschende lautstarke und krächzende Geräuschskulisse gefällt gar nicht. Gisela (fühlt sich gar nicht wohl) wundert sich das ich überhaupt auf dem schwankenden Schreibtischsessel sitzen und nach Mitternacht noch Schreiben kann. Ablenkung kann sie auf dem Sofa liegend noch kommentieren. Bett ist noch nicht angesagt, wir warten auf eine Wetterberuhigung. Das immer wieder aufkommende plötzliche Rucken in den andauernden heftigen, stampfenden Schiffsbewegungen, die sich auf Stuhl und Schreibtisch scheinbar unterschiedlich auswirken und auch in den Schränken die Sachen hörbar hin und her schieben, nervt. Obwohl wir uns an den einen oder anderen Sturm auf See noch gut erinnern, machen wir eine neue Erfahrung, auf die ich jetzt ein Bier aus unseren heil gebliebenen Gläsern trinke. Prosit! Ich hoffe es bekommt.

Das Bier hat nicht geschadet und für die notwendige Bettschwere gesorgt, die sich bei Gisela nicht einstellen will. Sie besteht auf Licht.

Nach kurzer, unruhiger Nacht zeigt sich bei Helligkeit und weiterem heftigen Wellengang die nächtliche Bescherung auf dem jetzt langsam fahrenden Schiff (5 Knoten statt der üblichen 17), das den Kurs ändert um dem für weitere 2 Tage angekündigten Sturm auszuweichen.

4. auf dem stürmischen Weg nach Bilbao 007

Auf dem Oberdeck sind mehrere Containertürme, d.h. 9, umgekippt. Sie füllen jetzt den bisher freien Innenraum. Anstelle des gesperrten Aufzugs geht es via Treppenhaus zum Womo, das -so der Bootsmann- auf dem sichersten Platz stehe. Nicht weit entfernt liegt ein großer Container im Raum, der wegen gerissener Schweißnähte der LKW-Halterung abgestürzt war. Die an der Bordwand auf der Seite liegenden 2 neuen Toyota-Landcruiser, die der querliegende Container einklemmte, wirkten wie unwirkliche Pakete und lassen auch hier die Sturmgewalt spüren.

4. auf dem stürmischen Weg nach Bilbao 017